Stefan Rühlmann

Bücher und Zeichnungen

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Auf dieser Seite werde ich in regelmäßigen Abständen Ausschnitte meiner Bücher, Geschichten oder auch Bilder, wenn sie gerade entstehen, einstellen.

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09.10.2019

Der Rote Druide - Leseprobe II

Da meine Eltern vor ein paar Tagen in den Urlaub gefahren waren, hütete ich das Haus und war allein. Haus hüten war für mich mit mindestens einer Stunde Blumen gießen verbunden. Was schön war, denn in diesen Momenten konnte ich meinen eigenen Gedanken nachgehen, ohne dass ich abgelenkt wurde. Nachdem ich an diesem Tag damit fertig war, setzte ich mich auf die Bank vor dem Teich und machte mit zitternden Fingern mein Smartphone an, um mir das Filmchen noch einmal anzusehen. Ich drückte auf Abspielen und hielt den kleinen Apparat mit beiden Händen fest. Ich schaute mir die Aufnahmen an, noch einmal, immer und immer wieder. Was ich sah, ließ mir jedes Mal das Blut in den Adern gefrieren. Ich konnte nicht glauben, was mir mein Smartphone zeigte:

Unter der Platte lag eine Gestalt, die in einen roten Umhang gehüllt war und mit ihren schwarzen Löchern, die wohl die Augen dieser Gestalt waren, in die Kamera blickte. Genau wie in meinem Traum. Als ich den Moment erreicht hatte, in dem ich mein Smartphone wieder unter der Platte hervorzog, bewegte sich die Gestalt und ihre rechte Hand griff nach mir.

Egal wie oft ich mir den Film ansah, nichts nahm den Schrecken und jedes Mal bekam ich Angst, pure Angst. Die Hand der Gestalt war meinem Handy und mir so nah gekommen, fast hätte sie mich berührt.

Mir fielen die Runen wieder ein! Ich schnappte mir meine Aufzeichnungen und ging ins Arbeitszimmer meiner Eltern, wo ich augenblicklich den Rechner startete. Zum Glück war im Internet das Wissen der Welt vorhanden. Ich gab als Suchbegriff „Runen“ ein und sofort wurden mir mehrere Seiten empfohlen, auf denen ich mich schlau machen konnte. Voller Zuversicht nahm ich mir meinen Kalender, in dem ich die Zeichen geschrieben hatte und verglich diese mit denen, die ich im Netz angezeigt bekam. Enttäuscht schloss ich die erste Seite wieder und öffnete die nächste, aber so sehr ich auch suchte, ‚meine’ Runen waren nirgends zu entdecken. Wahrscheinlich sind es überhaupt gar keine, schoss es mir durch den Kopf. Aber was sollten es dann für Zeichen sein? Ich schaute mir noch einmal meine Zeichnung an. Aber so sehr ich mich auch anstrengte, ich fand keinerlei Ähnlichkeiten mit den im Netz dargestellten Runen.

Was nun?

Am Rand des Monitors tauchte eine Werbung für Kartenlesen auf. Natürlich ist so etwas vollkommener Unsinn, sagte ich mir. Trotzdem gab ich „Esoterik“ in die Suchzeile ein und landete prompt auf einer Seite mit einem Esoterik-Chat. Ich versuchte mein Glück und stellte die Frage in den Chatraum, ob mir jemand beim Deuten bestimmter Zeichen behilflich sein könnte, die eine gewisse Ähnlichkeit mit Runen hätten. Nach zwei Minuten bekam ich eine Antwort, in der mich jemand fragte, wie die Zeichen denn aussehen würden. Klasse, hoffentlich konnte mir der- oder diejenige helfen.

Ich schrieb: „Das erste Zeichen sieht aus wie ein T, hat aber unten ebenfalls noch einen Querstrich.“ Jetzt musste ich warten, aber nicht sehr lange und mein Rechner zeigte mir in der Antwortzeile ein kurzes und knappes „Oh“.
„Was meinst du mit Oh?“, fragte ich zurück.
„Bitte beschreibe mir ein anderes Zeichen, wenn du noch eines hast.“
„Das zweite Zeichen sieht aus wie ein O oder eine 0, hat aber einen Strich von rechts oben nach links unten. Ein drittes Zeichen sieht aus wie ein Haus, also unten ein Viereck und oben drüber sitzt ein gleichschenkliges Dreieck.“
„Bist du dir sicher?“, kam die Frage zurück. Wie sieht das nächste Zeichen aus?“
„Hast du eine Ahnung, um was für Schriftzeichen es sich handeln könnte?“
„Möglicherweise. Das nächste Zeichen?“
„Nur ein Dreieck. Was heißt das?“
„Taimali.“
„Was???“
„Taimali. Wenn es stimmt, was du mir gerade geschrieben hast, bist du auf Schriftzeichen gestoßen, die die Vorläufer der altnordischen Runen sind. Die Schrift – wenn es diese Schriftzeichen sind – wurde bei den alten Stämmen in den Zeiten genutzt, bevor diese nach Europa zogen. Also lange vor der Zeitrechnung, die wir heutzutage haben.“
„Woher weißt du das und was heißt denn nun Taimali?“
„Ich bin Sprachwissenschaftler und befasse mich mit den alten Sprachen Europas. Taimali steht allein für ‚Tue es nie‘ oder ‚Niemals‘ oder auch ‚Lass es‘. Aber ich kenne den Kontext nicht. Hast du noch andere Schriftzeichen gefunden?“
„Ja, warte einen Moment.“
„Stop!“, kam es sofort zurück. „Hier ist meine Handynummer, kannst du mir ein Foto von den Zeichen senden?“
„Ja, mache ich. Kleinen Augenblick bitte.“
Damit nahm ich mein Handy, fotografierte meine Skizzen ab und schickte das Bild an die Nummer, die mir mein Gegenüber gegeben hat.
„Danke.“, war die kurze Antwort. „Melde mich gleich wieder, per Handy.“

So saß ich eine Weile vor dem Rechner. Nichts passierte. Da mein „Gegenüber“ nun ebenfalls im Besitz meiner Handynummer war, beschloss ich den Rechner wieder herunterzufahren und mit meinem Handy nach draußen zu gehen. Ich setzte mich auf die Bank am Teich und wartete. Im gegenüberliegenden Park zwitscherten die Vögel, am Himmel sah ich einen Falken kreisen.
Warum meldete sich der Kerl nicht? Ich schrieb ihm eine kurze Nachricht und fragte, was los sei.
„Ein paar Minuten brauche ich noch. Aber tu uns beiden den Gefallen, bleib bei deinem Handy sitzen. Ich melde mich gleich.“

Also wartete ich. Fünf Minuten, zehn … mir kam mein Filmchen wieder in den Sinn, ich beschloss aber, dass ich ihn mir nicht noch einmal ansehen würde. Nur was hatte ich da aufgenommen? Mehr und mehr kam mir der Gedanke, dass ich gar nichts aufgenommen, sondern in irgendeiner Art und Weise einen verdammt bescheuerten Film aus Versehen aus dem Internet heruntergeladen hatte. Zugegeben, eine ziemlich blöde Erklärung, aber die ganze Sache heute Nachmittag konnte nicht real gewesen sein.

Ping. Ich hatte eine Nachricht.
„Bist du dir sicher, die Zeichen in der richtigen Reihenfolge abgeschrieben zu haben?“
„Ja, bin ich mir.“
Ich sandte ihm noch ein Foto von der Steinplatte, trotzdem mir bewusst war, dass auf dem Bild kaum Einzelheiten zu erkennen waren.
Zwei Minuten musste ich auf die nächste Nachricht warten:
„Taimali suspiter ereinisatz malokawi reganiwo nafets. Renimuno slobikrati – das nächste Zeichen kenne ich nicht – nnamlhür selguster signaterp.“
„Äh … und das heißt was?“
„Kurze Frage, wo hast du das gefunden?“
„Auf der Steinplatte, das Bild hatte ich dir gerade zugesandt.“
„Steinplatte? Wie genau, erzähl mir alles.“
„Schreib mir bitte erst einmal die Übersetzung.“
„Öffnet niemals dieses Grab. Es wird sonst alles anders werden. Jedenfalls so etwas in der Art. Kennst du die Sage vom Roten Druiden, eine ziemlich unbekannte und verdammt alte Sage der Nordischen Mythologie?“
„Nein.“ Roter Druide? Mir wurde abwechselnd heiß und dann wieder kalt. Gebannt starrte ich auf mein Handy, ob der Fremde etwas dazu schreiben würde.
„Kurzform: Der Rote Druide war ein Freund der Menschen und konnte nicht mit ansehen, wie die vier Weltenriesen die Menschen verwirrten, so dass diese unfähig waren, in Liebe friedlich miteinander zu leben. Deshalb hat er Dinge wie Habsucht, Gier, Neid in einzelne Tonkrüge getan und wollte sie in einer Gruft verschließen. Zugleich nahm er ihnen aber auch andere Sachen weg, da er der Meinung war, diese würden die Menschen nicht zum Guten benutzen. Dazu gehörten auch Magie und Zauberei, die seitdem nicht mehr auf der Erde zu finden waren.“
„Magische Sachen? Einhörner?“ Ich war, ehrlich gesagt, mehr als nur ein bisschen verwirrt über das, was mir der Kerl da gerade geschrieben hatte.
„Lach. Ja, alles sowas in der Art. Jedenfalls, als die vier Weltenriesen das mitbekamen, machten sie Jagd auf den Roten Druiden. Dieser ahnte, dass er den Riesen unterliegen würde und gab die Tonkrüge an die Priesterin Anirahtak, in die er unsterblich verliebt war. Die Riesen allerdings sperrten den Roten Druiden in die Gruft, in der er die Tonkrüge ursprünglich verstecken wollte. Die Menschen sahen dies, aber keiner von ihnen kam dem Roten Druiden zu Hilfe, so dass er den Menschen fürchterliche Rache schwor, sollte er jemals wieder das Licht erblicken.“
„Rache? Was für eine Rache denn?“
„Keine Ahnung“, schrieb der Fremde. „Das ist nicht überliefert. Es heißt nur, dass die Rache über die Menschen kommt, wenn der Rote Druide jemals wieder aus der Gruft befreit wird.“
„Ich habe nachgeschaut, was unter der Platte war.“
„Du hast was???“
„Sie angehoben, schrieb ich dir doch gerade. Warum?“

Eine Weile bekam ich keine Antwort und wollte mein Handy bereits zur Seite legen, als ich doch noch eine Nachricht erhielt:
„Anirahtak floh mit den Tonkrügen nach Norden, wohin die vier Weltenriesen sie nicht verfolgen konnten. Sie schwamm über einen großen See und einer der Riesen konnte diesen nicht überqueren. Da die Riesen nur zu viert mächtig genug waren, konnten sie Anirahtak nichts mehr anhaben.
Allerdings stürzte Anirahtak einen Abhang hinunter. Dabei fielen ihr ein paar Tonkrüge auf den Boden, so dass sie zersprangen und ihre Inhalte wieder in die Welt gelangten. Die restlichen Tonkrüge brachte sie auf den Schneeberggletscher, wo sie bis zum heutigen Tage versteckt sind.
„Aha“, schrieb ich zurück, sah aber, dass der mir Unbekannte bereits wieder schrieb.
„Eines Tages, wenn der Rote Druide seine Rache an den Menschen genommen hat, wird jemand kommen, um die bösen Dinge, die aus den Tonkrügen wieder in die Welt gekommen waren, gegen die magischen auszutauschen. Dieser jemand wird mit Anirahtak auf dem Schneeberggletscher erscheinen, begleitet von drei Jungfrauen und ihrem Krieger.
So heißt es zumindest in der Überlieferung.“
„Okay, war das die gesamte Sage?“, schrieb ich zurück.
„Ja. Was war unter der Platte?“, fragte der Unbekannte stattdessen.

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