Stefan Rühlmann

Bücher und Zeichnungen

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Auf dieser Seite werde ich in regelmäßigen Abständen Ausschnitte meiner Bücher, Geschichten oder auch Bilder, wenn sie gerade entstehen, einstellen.

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14.10.2019

Der Rote Druide - Leseprobe III

„Ein Hohlraum.“
„Wie jetzt?
„Da war ein Hohlraum drunter.“
„Was war drin?“
„Warte, ich schicke dir ein Video. Wobei ich denke, dass da irgendwas faul bei der Sache ist.“
Ich wartete eine Weile, dann bekam ich die nächste Nachricht:
„Ja, denn wenn du mich nicht verarscht hast, dann hättest du der Sage nach die berühmte Büchse der Pandora geöffnet. Zumindest der nordischen Sage nach. Allerdings gehe ich davon aus, dass wir uns in irgendeiner Art und Weise kennen und finde es nicht passend, jetzt so hereingelegt worden zu sein. Schönen Abend noch, wer immer du auch bist.“
Was sollte das denn jetzt? Ich schrieb ihm noch ein paar Nachrichten, in denen ich beteuerte, nichts von der ganzen Sache erfunden zu haben, doch die Nachrichten wurden überhaupt nicht gelesen. Nach gut einer Stunde beschloss ich, in meine Wohnung zu fahren. Morgen ist Montag und ich wollte früh ins Bett gehen. Ich fuhr mit dem Fahrrad die fünf Kilometer zurück in die Stadt, fand in dieser Nacht aber keinen Schlaf. 

„Mammut-Grippe, was ist das denn für eine blöde Schlagzeile?“
Frau Manner konnte alles, Mittagessen und gleichzeitig auf ihrem Smartphone herumtippen. Dafür brauchte sich niemand die Mühe zu machen, eine Zeitung zu kaufen, Frau Manner las jedem von uns die neuesten Nachrichten vor, ob wir es wollten oder nicht.
„Hier steht, dass das gesamte Team, welches bei der Bergung eines Mammuts gestern dabei gewesen ist, plötzlich verstorben sei.“
„Wo? In Russland?“
„Ja, Sibirien.“

Ganz kurz fiel mir der gestrige Tag ein, aber ich unterdrückte den Gedanken schnell wieder. Elvira, die älteste in unserer Abteilung, hob interessiert ihren Kopf und schob den noch halbvollen Teller zur Seite. Ihr schien der Appetit vergangen zu sein.
„Lies nochmal vor, Susi.“
Frau Manner war Susi. Da sie aber noch nicht sehr lange bei uns ist, habe ich es bisher vermieden, mich mit ihr zu duzen.
„… sind die Mitglieder eines an der Bergung in Sibirien in der Region Irkutsk gefundenen Mammut plötzlich und auf unerklärliche Weise innerhalb von vierundzwanzig Stunden verstorben.“
„Weiter? Was steht da noch?“
„Nichts. Das war alles.“
„Schwachsinn“, mischte sich unser Chef in das Gespräch ein. „Hat das Mammut genießt und dabei alle angesteckt, oder was? Wer sich so eine blöde Meldung ausdenkt, der muss nicht ganz richtig im Kopf sein.“
Damit stand er auf, nahm seinen Teller in die Hand und brachte ihn rüber in die Teeküche. Das allgemeine Signal an uns sechs, ebenfalls die Mittagspause zu beenden und wieder an die Arbeit zu gehen.
Ich hatte ein Büro fast am Ende des Ganges, mit Elvira zusammen. Wir vertrugen uns, trotz unserem Altersunterschied, sehr gut. Elvira war 56 und ich selber 31 Jahre alt. Sie war ein bisschen wie eine Mutter zu mir, ohne jedoch aufdringlich zu sein.

Nach meiner Lehre zum Einzelhandelskaufmann ging ich ein paar Jahre zur Bundeswehr und anschließend bewarb ich mich um eine Stelle als Verwaltungsfachangestellter im Rathaus unserer Kreisstadt. Das bedeutete zwar noch einmal eine dreijährige Ausbildung, aber dafür hatte ich jetzt einen recht sicheren Arbeitsplatz, der mir dazu noch viel Spaß machte. Auch die Bezahlung war besser, als im Einzelhandel. So viel zu meiner Motivation, im Rathaus zu arbeiten.
Elvira drehte plötzlich unser Radio lauter:
„… nach unbestätigten Berichten wurde die gesamte Region bereits weiträumig abgesperrt. Augenzeugen sprechen davon, dass es in den umliegenden Dörfern zahlreiche Todesfälle unter den Bewohnern gegeben haben soll. Weitere Nachrichten im Überblick …“
Das Radio wurde wieder leiser gedreht und mir viel die „nordische Büchse der Pandora“ ein. Ich nahm mein Handy und schaute nach, ob der Kerl von gestern Abend doch noch einmal geantwortet hat. Er hatte nicht. Doch an den Häkchen neben meinen Nachrichten konnte ich erkennen, dass er sie zumindest gelesen hatte. 
„Jetzt bringen sie es schon im Radio.“
„Ja. Wer weiß, was es damit auf sich hat.“
Meine Kollegin schaute kurz zum Fenster hinaus und holte tief Luft. Draußen war herrlichster Sonnenschein und ich konnte ihr dezentes Parfüm riechen, welches sie sich jeden Tag nach der Mittagspause auflegte. Wahrscheinlich jedoch nur erneuerte.
„Das kann einem schon Angst machen, Jonathan.“
So richtig wusste ich darauf nichts zu erwidern, deshalb zuckte ich nur mit den Schultern.
„Ist weit weg und dünn besiedelt, wenn ich mich nicht irre.“
„Schon, aber weißt du, ob vielleicht einer, der sich da angesteckt hat, bereits im Flieger sitzt und um die halbe Welt reist?“
„Ich denke, die sind alle tot?“
„Nun stell dich nicht so an, die können vorher doch schon sonst wie viele Leute angesteckt haben.“
Die Nachrichten der folgenden Stunden klangen auch in meinen Ohren nicht mehr ganz so harmlos:
„… ist davon auszugehen, dass sich bereits weit mehr Menschen mit dem vermeintlichen Virus angesteckt haben …“
„… wurde das gesamte Gebiet von der Armee abgesperrt …“

Admin - 18:41 @ Der Rote Druide | Kommentar hinzufügen

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