Stefan Rühlmann

Bücher und Zeichnungen

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Auf dieser Seite werde ich in regelmäßigen Abständen Ausschnitte meiner Bücher, Geschichten oder auch Bilder, wenn sie gerade entstehen, einstellen.

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29.10.2019

Der Rote Druide - Leseprobe V

Als ich am Morgen auf meinem Sofa erwachte, fühlte ich mich wie gerädert. Mir fielen die Nachrichten von gestern Abend wieder ein, also schmierte ich mir schnell ein Toastbrot und schaltete mein TV-Gerät an. Mir blieb der Mund offen stehen, als ich das rote Band las. Ein gerade abgebissenes Stück Toast fiel mir wieder auf den Teller.
„… Regierung nach St. Petersburg evakuiert. Keine Nachrichten aus den betroffenen Regionen. Erste Todesfälle in Moskau vermeldet …“
Dann ist der Virus, oder was immer das auch ist, nicht mehr aufzuhalten, kam mir in den Sinn. Ich drückte den Fernseher wieder aus, trank meinen Kaffee und machte mich fertig, um auf Arbeit zu gehen. Draußen war herrlichster Sonnenschein. Freute sich die Erde darauf, ihre größten Parasiten, uns Menschen, wieder loszuwerden?
Mir kam es auf dem Weg zur Arbeit so vor, als würden weniger Menschen unterwegs sein. Als ich den Gang zu meinem Büro betrat, herrschte eine unglaubliche Stille, es schien mir, als könnte ich die Stille förmlich greifen. Nur Radios liefen überall lauter als sonst.
Ich betrat unser Büro. Alle waren da, saßen auf den Tischen und Stühlen, das Radio stand in der Mitte
„Guten Morgen, Kollegen
„Scht … sei leise”
Aus dem Radio kam die monotone Stimme eines Sprechers:
„… bittet die Bundesregierung die Bevölkerung in Deutschland darum, sich angesichts der Krise in Russland ruhig zu verhalten. Im Moment bestehe keine unmittelbare Gefahr für die Menschen in unserem Land …“
„Schon klar. Der Virus macht an der Grenze halt …“
„Sei doch bitte still.“
„… weltweit arbeiten Wissenschaftler mit Hochdruck daran, den Virus …“
„Wie gestern“, flüsterte ich leise, während ich meine Jacke auszog und auf den Kleiderbügel im Schrank hängte.
„… erste Todesfälle auch aus der Mongolei, Kasachstan, Usbekistan …“
Frau Manner erhob sich von ihrem Stuhl, sie war kreidebleich im Gesicht, schien sogar zu zittern. Mit belegter Stimme fragte sie unseren Chef, ob sie heute Urlaub nehmen könne. Abwesend nickte er. Ob er sich bewusst war, was Frau Manner eben von ihm wollte, bezweifelte ich. Aber dafür war es zu spät, Frau Manner tippelte mit ihren hohen Schuhen hastig über den Flur.
Ich setzte mich an meinen Platz und fuhr den Rechner hoch, als mich alle ziemlich entgeistert ansahen.
„Was ist?“
„Sie haben Nerven. Warum fahren Sie ihren Rechner hoch?“
„Was soll ich sonst machen, Chef. Dafür werde ich bezahlt.“
„Aber …“
„Ja?“
„Nichts. Ruhe, neue Nachrichten.“
„… breitet sich der Virus mit rasanter Geschwindigkeit in alle Himmelsrichtungen aus. Wie die Regierung in St. Petersburg zugab, ist die Lage vollkommen unbeherrschbar. Weite Teile Sibiriens müssten zur Stunde bereits vollkommen entvölkert sein. Wie und ob sich ein weiteres Ausbreiten verhindern lässt, ist vollkommen ungeklärt, teilte ein Sprecher der russischen Regierung mit.“
„Chef, ich gehe auch nach Hause. Mir ist übel, ich glaube, ich werde krank.“
Wieder nickte er nur.
Wieder ging eine Kollegin.
Wir saßen noch zu viert im Büro.
Ein eigenartiges Gefühl breitete sich in mir aus. Ich konnte nicht sagen, was für ein Gefühl es war, ein bisschen so, als würde man allein gelassen.
Und ein bisschen so, als wäre ich an der ganzen Sache schuld, was aber nicht sein konnte. Ich gab mein Passwort ein.
Danach beschloss ich, mir einen Kaffee aus der Teeküche zu holen, in der Hoffnung, dass irgendjemand Kaffee gekocht hatte. Doch ich hatte Glück. Auf dem Weg in mein Büro kamen mir zwei Kollegen einer anderen Abteilung entgegen. Ich grüßte beide, doch sie erwiderten nichts, schienen mit ihren Gedanken vollkommen woanders zu sein. Im Büro herrschte immer noch absolute Stille als ich zurück kam, abgesehen vom Radio.
„… gerade gemeldet wurde, sind erste Todesfälle in der 100 km westlich von Moskau liegenden Stadt …“
„Ich gehe auch nach Hause, Chef. Macht was ihr wollt.“
Mittlerweile war es kurz vor neun, die offiziellen Nachrichten müssten gleich beginnen. Gebannt saßen wir vor dem Radio. Der Sprecher sagte, dass mit sofortiger Wirkung der gesamte Flugverkehr und der Bahnverkehr in Deutschland und weiten Teilen Europas eingestellt wird. Dies sei in Absprache mit den Staats- und Regierungschefs der EU-Länder geschehen. Weiterhin werden die deutschen Grenzen geschlossen. Die Bundeswehr soll zur Grenzsicherung herangezogen werden, was naturgemäß heftige Verbalattacken der Oppositionsparteien zur Folge hatte. Des Weiteren sind Fahrten mit privaten PKWs auf allen Bundesautobahnen ab 12:00 Uhr verboten, um Katastrophendienste und Bundeswehr ungehindert passieren lassen zu können.
Das war alles. Keine anderen Nachrichten mehr, keine Musik, nichts. Stattdessen wieder eine Sondersendung zur „Krise in Russland“, wie es offiziell genannt wurde. Dabei war es längst keine russische Krise mehr. Unser Chef schaute Elvira und mich an, schluckte und drehte sich anschließend suchend um.
„Wo …?“
„Du hast sie nach Hause geschickt, Chef“, beantwortete Elvira seine unvollendete Frage.
„Ach so, ja, natürlich. Den Urlaubsschein sollen sie mir morgen vorlegen.“
Unser Chef erhob sich und ging hinaus eine rauchen, wie ich annahm.
„Und, Jonathan, was denkst du, wie wird es weitergehen?“
„Ganz ehrlich? Ich habe keine Ahnung. Was denkst du?“
Elvira zuckte mit den Schultern.
„Ich denke“, begann sie, „wenn das so weitergeht und niemand ein Mittel gegen die Seuche findet oder was immer es auch ist, dann sieht es ziemlich schlecht aus. Zumindest hat es im Moment genau diesen Anschein, wenn selbst eine Stadt wie Moskau nicht geschützt werden kann.“
Wir schwiegen eine Weile. Unser Chef kam zurück und setzte sich kommentarlos zu uns ins Büro. An Arbeit dachte keiner von uns, auch ich nicht mehr.

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